Freitag, 18. September 2009

Ab wann und zu welchem Zweck ist man "Einheimischer"? *update*

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Ursprünglicher Post vom 23.6.2009:

Da lebt man nun schon sehr lange, zumindest für die eigene Lebensspanne, an einem Ort, mischt sich dort ein (in Hinsicht auf Kommunalpolitik, Kultur etc.), hat dort Freunde, ein Haus, Lieblingsorte, Stammkneipen, einen Laden (und damit ca. 70 Arbeitsstunden die Woche) und auf absehbare Zeit zunächst einmal nicht den Plan, woanders hinzugehen.

Aber das reicht noch nicht.

In Greifswald wird im Moment erstens über den Namenspatron der Universität, Ernst Moritz Arndt, und seine Befähigung zu eben diesem Amt diskutiert. Im Rahmen dieser vermutlich sowieso nicht rational führbaren Diskussion gibt es dann einige Teilnehmer, die anderen Teilnehmern aufgrund obskurer Gründe die Teilnahme an der Diskussion verweigern oder zuerkennen. Angesichts der Diskussion unter den vagabundierenden Studierenden können nur eingeborene Greifswalder über den Namen der Uni befinden, heißt es - und zwar qua Geburt als Greifswalder. Wie gesagt, ein rationaler Diskurs zu diesem Thema ist sowieso nicht möglich...

Zweitens läuft gleichzeitig auf dem Grünen-Blog eine Diskussion über die personelle Struktur von Fraktion und Kreisvorstand (beide teilerneuert) der Grünen in Greifswald. Es wird penibelst gezählt, wieviele aus dem Westen und wieviele aus dem Osten kommen. Noch immer. 20 Jahre nach der sogenannten Wende. Das läuft darauf hinaus, daß man nicht die Gnade der späten Geburt für sich in Anspruch nehmen kann, wie es der ehemalige Bundeskanzler tat, sondern daß man dafür um Entschuldigung bitten muß, nicht älter zu sein! Auch ich bin "erst" 1992 nach Mecklenburg-Vorpommern gekommen; die nun mittlerweile 17 Jahre arbeiten, leben und kämpfen zählen nicht, da ich gebürtiger Nicht-Greifswalder bin und in alle Ewigkeiten bleibe.

Mir kommt der Eindruck, daß wir damit wieder bei Ernst Moritz Arndt und seinen Hetzereien gegen die Juden angekommen sind...



*update* von heute, 18.9.2009:

Die Hetze hört noch lange nicht auf. Heute (18.9.2009) stehen zwei Leserbriefe in der OZ:

Warum kein ostdeutsches Mitglied im Grünen-Kreisvorstand?

Christian Weller aus der Gützkower Landstraße schrieb uns zur Lokalausgabe vom 15. September: Eine bemerkenswerte Anzeige fand sich am Mittwoch im Titelfuß der Greifswalder OZ wieder.

Dr. Klaus-Peter Last, bekannter Mitstreiter aus der ehemaligen Bürgerbewegung in der damaligen DDR, merkt unter der Überschrift „Bündnis 90 — Die Grünen“ an „Es wuchs zusammen, was nicht zusammen gehört.“ Wie Recht Dr. Last allein schon mit Blick auf Greifswald hat, erkennt man, wenn man sich die Zusammensetzung des Kreisvorstandes der hiesigen Bündnisgrünen ansieht. Dort findet sich kein einziges ostdeutsches Mitglied mehr im Kreisvorstand wieder und in der Fraktion sind die ehemaligen Bündnis 90-Leute Mangelware. Aber Greifswald ist kein Einzelfall, wie der Blick auf die Spitze des Bundesvorstandes und die Spitzenkandidaten dieser Partei beweisen. Trittin, Roth, Özdemir, Künast; kein einziger Vertreter aus dem Osten dabei. Aber nicht nur personell, sondern auch inhaltlich gibt es eine Distanzierung zu den Werten der ehemaligen Bürgerbewegung „Bündnis 90“. So verhandeln in Thüringen die Grünen munter mit der Linkspartei über die Bildung einer rot-rot-grünen Landesregierung.

Im Saarland geben die Grünen bekannt, nicht vor der Bundestagswahl mit den Linken über die Bildung einer Landesregierung zu verhandeln. Und in Greifswald runden die Grünen dieses Bild ihrerseits ab, indem sie offen mit Einzelmitglied Heiden in einer Zählgemeinschaft agieren. Allein mit dem Ziel, ihre Sitzzahl in Gremien der Bürgerschaft zu erhöhen.



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Mein Leserbrief von heute morgen, ist auch schon online:

Artikel: Warum kein ostdeutsches Mitglied im Grünen-Kreisvorstand?
Antwort: Weil Quoten-Ossis nicht nötig sind!
Bei den Greifswalder Grünen gibt es die Kategorien "Ossi" und "Wessi" nicht, nach denen der Leserbriefschreiber sein Leben einzuteilen scheint. Wenn er feststellt, daß heute kein Quoten-Ossi mehr im Vorstand der Grünen ist, so hat er recht. Es liegt daran, daß eine solche Quotierung entwürdigend ist. Der Vorstand ist aufgrund der zur Wahl stehenden Personen zustande gekommen, nicht nach dem Scheuklappen-System Ossi oder Wessi. Der nächste Vorstand kann, und da wird sich der Verfasser des Leserbriefes sicherlich nicht zu Wort melden, zu 100 % aus Ossis bestehen - nur ist dieses Faktum unerheblich und nur für die vor 20 Jahren Stehengebliebenen wie den Verfasser des Leserbriefes wichtig. Ich lebe seit 1992 in MV, seit 1994 in Greifswald. Ich habe hier Haus, Geschäft, FreundInnen, und engagiere mich für meine Heimat (!). Was muß ich noch tun, um nicht immer den Anwürfen der Ewig-Gestrigen ausgesetzt zu sein?
schreibt Ulrich Rose aus Greifswald

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