Dienstag, 21. Juli 2009

Amour fou

Szilárd Rubin: Kurze Geschichte von der ewigen Liebe, Rowohlt Berlin 2009. 220 S., Pp. ISBN 978-3-87134-631-6, EUR17,90



Ungarn in den ersten Jahren nach dem Zweiten Weltkrieg zwischen bourgeoiser Vergangenheit und realsozialistischer Zukunft. Und genauso ist Attila, genannt Till, der Held der Geschichte: Aus kleinbürgerlichen Verhältnissen stammend (seine Großmutter ernährt und kleidet ihn während seines später abgebrochenen Studiums durch den Betrieb eines Marktstandes) ruft er beim Einmarsch der sowjetischen Truppen die Revolution aus, gleichzeitig zeigt ihm seine aus großbürgerlichen Verhältnissen stammende Geliebte Orsolya, "wie man mit Messer und Gabel ist", wie er später, rückschauend, erzählt. Er selbst gehört in der Folge der eher regimefernen Bohème an, sie studiert Pharmakologie, aus Familientradition: Die Apotheke der Familie Carletter (deutschstämmige "Schwaben" aus dem Elsaß) wird mal enteignet, dann wieder von der Familie betrieben, wieder enteignet - Orsolya arbeitet am Ende in einer "Dorfapotheke", ehe sie einen Bonzen heiratet und als Gattin dem Gesandten nach Ulan-Bator folgt.

Aber ich greife vor: Der Roman wurde 1963 in Ungarn publiziert. Wäre er etwas eher übersetzt worden und in Deutschland erschienen, hätte ich in meinem früheren Leben im ehemaligen Westen viele Ungarn, die es bis an die holländische Grenze verschlagen hat, besser verstanden. Mit wenigen skizzenhaften Strichen, also ohne sich in für "Ausländer" und "Spätgeborene" unverständliche Details zu verlieren, zeichnet er ein Bild Ungarns von Mitte der Vierziger bis Ende der Fünfziger des vergangenen Jahrhunderts. In einem Vorgriff auf das Jahr 1976 sieht er seine Geliebte nach Ulan-Bator fliegen.

Und das ist der zweite Vorzug dieses Buches: Es schildert die Geschichte einer wahren amour fou - unerfüllt, verrückt, leidenschaftlich bis zum wirklichen Leiden. Diese Schilderung braucht keinen Vergleich mit den Großen dieses Jahrhunderts zu scheuen - Paraderollen für Elizabeth Tayor, Paul Newman oder Richard Burton, aber auf der Pont-Neuf und mit 37,2 Grad am Morgen.

Und hier liegt der dritte Vorzug des Buches: es ist wunderbar erzählt und erstklassig übersetzt (von Andrea Ikker). Der kleine erzählerische Trick des Schlusses spricht Bände: die Verlegung in die Zukunft, die Auflösung sämtlicher Beziehungen in der Optik eines "von einem holländischen Kind geliehenen Fernglases". Der Kreis schließt sich...

Lesen!

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