Sonntag, 9. August 2009

Russen II




Wenedikt Jerofejew: Die Reise nach Petuschki. Ein Poem. München: Piper, 13. Aufl. 2009 (Serie Piper 671). 168 S., kartoniert. ISBN 978-3-492-20671-6, EUR 7,95

Am Ende heißt es, er "kam von einer einwöchigen Sauftour". Wenitschka, der Held dieser Geschichte. Zurerst lernen wir ihn kennen, wie er auf einer Treppe in einem ihm fremden Mietshaus in Moskau sitzt, eine Tasche an sich gepreßt, und nach einem Alkoholexzeß fast wieder klar wird.
Die Erzählung gewinnt Fahrt durch die Jagd nach Alkohol, um die Alkoholfolgen zu mildern, in der Zeit "zwischen Morgendämmerung und Ladenöffnung". Nach und nach erfahren wir, daß "wieder einmal" Freitag ist, daß er sich jetzt auf den Weg zum Kursker Bahnhof, offensichtlich einem der Moskauer Bahnhöfe, machen wird, um von dort aus in sein persönliches Paradies zu fahren, nach Petuschki, wo Geliebte und ein Sohn (der schon den Buchstaben "Q" erkennen kann) auf ihn warten. Wie offenbar jeden Freitag beginnt die Fahrt mit der Suche nach dem Bahnhof, wobei der Held anmerkt, daß er trotz seiner Touren kreuz und quer durch Moskau noch nie den Kreml gesehen habe.
Ströme von Alkohol verschiedenster Sorten sind bereits durch seine Kehle geflossen, als er Bahnhof und Zug erreicht, und dies wird während der Fahrt auch nicht anders werden. Der einzige Unterschied ist der, daß er nicht mehr alleine säuft, sondern alle Mitfahrenden es ihm gleich tun.
Die Zugfahrt selbst (die von Station zu Station geschildert wird) vergeht mit Räsonnements verschiedenster Art, philosophischer, literaturgeschichtlicher, politischer, zeitgeschichtlicher. Sie wird insgesamt immer abstruser und steigert sich am Ende in eine surrealistische Szenerie einer wiedereingetretenen Einsamkeit des Helden, der in einem Zug mit geisterhaft klappernden Türen und ohne Mitfahrer im vermeintlichen Petuschki ankommt, das sich dann allerdings als Immer-noch-Moskau entpuppt. Alle Flaschen sind leer, die Tasche mit den Geschenken für Geliebte und Sohn geklaut. Verfolgt von den, wie er imaginiert, vier Erzengeln, landet er wieder in einem Hausflur, wo ihm das Schwert Gabriels in Gestalt eines Pfriems durch den Hals gebohrt wird. Kurz vorher, während der Verfolgung, hat er endlich den Kreml gesehen...
1969 geschrieben, lange nicht veröffentlicht, als russische Ausgabe 1973 in Israel erschienen, in Rußland erst 1988, die erste deutsche Ausgabe erschien 1978, hat dieses Buch eine sprachliche Gewalt (Übersetzerin: Natascha Spitz), die den Leser förmlich vom Sessel bläst. Größtenteils innerer Monolog, gibt der Text aber auch romanhaft die Gespräche der Reisenden wieder. Von der Anlage des "Poems" her durchaus vergleichbar mit Bruno Schulz' "Zimtläden", ist die Sprache jedoch wesentlich realistischer, näher an den "Reisenden" und der Alltagssprache des Helden.
Ein Buch, das einen in jeder Hinsicht "mitnimmt", sowohl, was das Mitleid mit einem durch Alkoholmißbrauch Geschädigten angeht, als auch in den Zug, durch die Geschichte bis hin zu ihrem fast schon logischen Ende.
Unbedingt lesen!

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