Dienstag, 11. August 2009

Russen III



Oleg Jurjew: Die russische Fracht. Roman. Aus dem Russischen von Elke Erb und Olga Martynowa, Frankfurt: Suhrkamp 2009 (Russischer Originaltitel: Vineta). 220 S., Pp. m. OSchu, ISBN 978-3-518-42076-8, EUR 22,80

Man kann die surrealistische Schreibweise, die sich bei dem zweiten Russen bereits deutlich ausgeprägt hat, noch steigern. Ähnlich wie Jerofejew schreibt Jurjew eine Art Road Movie in Lettern; der eine sieht seine Road in den Schienensträngen der Bahnlinie von Moskau nach Petuschki, der andere im Fahrwasser eines Schiffes von St. Petersburg nach Lübeck.
Der Held der "russischen Fracht" flieht als Verfolgter aus Rußland auf einem ukrainischen Schiff mit dem Namen "Antonev", ukrainisch "Ateniv". An Bord befindet sich eine merkwürdige Fracht: Die gesamte Personnage der Vergangenheit des Helden, ob tot oder lebendig - eingefroren. Deklariert nach Deutschland, mit ordentlichen Papieren, werden die "Leichen" exportiert. Unterwegs - unnötig zu sagen, daß natürlich im Laufe der Reise in einer Art "Tanz der Vampire" alle Eingefrorenen auftauen und auftauchen - begegnen dem Schiff eine lange Reihe von Sagengestalten der Ostsee und ihrer Anrainer. Ihrer äußeren Beschreibung nach kann man sie ihrem Sagenkreis zuordnen; als Personen spielen sie alle eine Rolle während der Fahrt. Selbst der "Fliegende Holländer" spielt mit in Gestalt eines Kreuzfahrtschiffes mit Namen "Queen of Belgium", auf dem sich lauter EU-Greise durch die Ostsee schippern lassen. Der Held selbst hat eine Promotionsschrift (nicht anerkannt) verfaßt zum Zusammenhang zwischen Vineta und St. Petersburg. Und so spielen denn auch Vineta, Atlantis und andere untergegangene Städte eine wichtige Rolle; das israelische U-Boot deutscher Herstellung, mit dem des Helden leiblicher Vater im wahrsten Sinne des Wortes auftaucht, nutzt unterirdische Flüsse und Meere zur Fortbewegung, um überall dort auftauchen zu können, "wo schon einmal ein Jude gelebt hat". Am Ende fließen alle Mythen, alle Städte, alle Figuren in ein großes Bild ein, Vineta-St. Petersburg nimmt Fahrt auf und wird, Swifts Laputa ähnlich, zum Luftschiff, die "Antonev" wird zum Flaggschiff mit "tausend Segeln und Decks" und ist von Vineta-St-Peterburg-Atlantis nicht mehr zu unterscheiden, vor allem, wenn man den ukrainischen Namen (s. oben) richtig, nämlich von hinten liest...

Die Übersetzerinnen (beide sind bereits als Lyrikerinnen, Erb auch als "Prosanerin" in Erscheinung getreten) haben eine Meisterleistung vollbracht und viele Sprachspiele in ihren Text eingearbeitet - man kann vermuten, daß sie dem russischen Original sehr nahe gekommen sind.

Unbedingte Leseempfehlung!

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