Sonntag, 6. September 2009

Die Sache mit dem Gedächtnis

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Die Sache mit dem Gedächtnis.

Die Spuren, die Menschen in uns hinterlassen...

Mitteilung an die Instanzen, die mich als Zeugen vor Gericht laden könnten: Erinnern ist nicht meine Stärke. Mein Gedächtnis brütet zerklepperte Eier aus. Noch meine frischesten Erinnerungen sind schattenhaft; ich habe x-mal im Leben dasselbe Bild im selben Museum oder dieselbe Landschaft hinter derselben Kurve entdeckt, als sei es das erste Mal; kaum erlebt, verschwinden die Geschehnisse von meiner Bildfläche, versacken die gelesenen Seiten, die gesehenen Filme, die getrunkenen Weine, man könnte meinen, ein wachsames Vergessen sorge bei mir für einen gleichbleibenden Pegel an Unbildung. Gesichter und Namen verflüchtigen sich allzu rasch; meine Mitmenschen hinterlassen in mir einen zugleich vagen und tiefen Eindruck, wie eine Tätowierung mit verwässerter Tinte. Die Verletzlichsten leiden darunter, versteht sich, werfen mir Gleichgültigkiet und Egoismus vor... Was kann ich erwidern? Helft mir, mein Auto wiederzufinden, das ich Gott weiß wo abgestellt habe, klaubt aus den Fältelungen meines Gehirns die mir entfallene PIN-Nummer meiner Kreditkarte heraus.

Ein erbärmliches Gedächtnis also, unstabile Gegenwart in der Welt, und so verbietet sich mir ein Leben als Zeuge. Daher wahrscheinlich meine Leidenschaft für den Roman: Die Einbildungskraft, der es nach Erinnerungen dürstet, versucht hartnäckig, das Leben anhand von Rohskizzen neu zusamenzusetzen.

(Daniel Pennac: Der Diktator und die Hängematte, in der Übersetzung von Eveline Passet)

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