Donnerstag, 8. Oktober 2009

So ist es.

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Reinhold Joppich schreibt im Börsenblatt:

Italienische Verhältnisse?

Der deutsche Buchhandel hat viel zu verlieren und er kann viel gewinnen. Von Reinhold Joppich, Kiepenheuer & Witsch

Photo: Markus Lokai

Ihre Beratung ist kompetent, informativ, proprio meraviglioso.« Solches Lob hörten wir fast täglich in der Libreria Herder in Rom im Jahre 1977. Unsere Deutsch lernende italienische ­Klientel küsste uns quasi die Füße für eine Selbstverständlichkeit als ausgebildeter Buchhändler aus Germania. Als ich dann des Italienischen mächtig war, wurde mir bewusst, warum uns diese Italiener so schätzten. Ein Testkauf in einer Rizzoli-Buchhandlung brachte den Beweis. Der anwesende, leicht gelangweilte Verkäufer fand den von mir gesuchten Titel nicht im Regal und gab mir dann zu verstehen, dass der Titel vergriffen sei. Keinerlei Recherche. Nichts. Es gibt und gab ihn nicht, den ausgebildeten Buchhändler in Italien. Viele Sortimenter dort beneiden uns um unseren noch funktionierenden Buchhandel.
Wenn ich die Branchennachrichten der letzten Monate Revue passieren lasse, stelle ich mir allerdings die Frage, ob wir bald italienische Verhältnisse haben werden. Beratung schrumpft auf ein Minimum, Ausbildung wird gestrichen, der Online-Buchhandel macht dem stationären Sortiment die Kunden streitig. Die Nivellierung und Boulevardisierung in den Verlagen und Buchhandlungen nimmt immer mehr zu. Der Konzentrationsprozess minimiert die Überlebenschancen. Zu allem Übel steht uns nach der Wahl eine Wirtschaftskrise bevor.
[...]
Wenn nun bei einigen der Großen der Branche die Erkenntnis gereift ist, die Beratung zu reduzieren und nicht mehr auszubilden, dann mag das vielleicht der internen Firmenphilosophie entsprechen. Aber es könnte ein gewaltiger Fehler sein. In dem heutigen Wirrwarr von medialer Informationsüberfrachtung braucht es mehr denn je kompetente Hilfestellung und Unterstützung durch gut ausgebildete Buchhändler.
Der Kunde von heute hat sich radikal geändert. Oft betritt er die Buchhandlung mit einem ganz anderen Hintergrundwissen als noch vor zehn Jahren. Seine Informationen holt er sich im Internet, erfährt bei Amazon, dass ein Roman fünf Sterne bekommen und kauft das Buch dann in der Buchhandlung seines Herzens; dies belegen Kundenumfragen.
Leider trifft er dann auch auf Buchhändler, für die Internet und Online-Buchhandel ein Gräuel, Fernsehen und Zeitungen Teufelszeug sind. [...]
Eigentlich müsste sich der kleinere, der mittlere inhaber­geführte Buchhandel, freudig die Hände reiben. Die Versäumnisse der Filialisten mehren ihre Chancen im Wettbewerb.
Es werden wieder Kunden in diese Läden kommen, die sich Buchhändler wünschen, die Joseph Roth von Eugen Roth unterscheiden können, die aber auch wissen, wer Curt Cobain war. Die nicht nur im Barsortimentskatalog bibliografie-ren, sondern auch das VLB zurate ziehen.
[...]
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