Samstag, 12. Dezember 2009

Die geheimnisvolle Stadt in Mecklenburg

.
In meinem letzten Newsletter (man kann ihn hier abonnieren) wies ich auf zwei Bücher des dänischen Autors Niels Brunse hin. Ein aufmerksamer Newsletter-Leser ließ mir daraufhin den Text eines Interviews zukommen (vielen Dank!), in dem der Autor ein wenig über das eine der beiden empfohlenen Bücher spricht. Hier der Text in Auszügen:

Ein Utopia hinter Wesenberg
WESENBERG. Zu allen Zeiten haben sich Menschen ein besseres Leben erträumt und utopische Orte erdacht. In seinem Roman „Die erstaunlichen Gerätschaften des Herrn Orffyreus“ verlegt Niels Brunse eine solche Freistatt ins 18. Jahrhundert nach Mecklenburg- Strelitz, wo der geheimnisvolle Ort Ramoth-Bezer an der Havel hinter Wesenberg versteckt liegt. Mit dem dänischen Autor sprach Matthias Wolf.

Wie sind Sie auf die Idee gekommen, diesen Ort gerade hier anzusiedeln?
In den siebziger Jahren, als ich in Moskau studierte, bin ich mehrmals zwischen Kopenhagen und Moskau gereist, natürlich immer über Berlin. Der Anblick der Fichtenwälder auf der Strecke durch die Mecklenburgische Seenplatte, mit den dunklen Ästen und den rötlichen Stämmen, wie von einem ewigen Sonnenuntergang beleuchtet, hatten für mich immer etwas Geheimnisvolles – vielleicht auchweil ich wusste, dass es unmöglich gewesen wäre, hier auszusteigen und die Landschaft zu erforschen, ich hatte ja nur ein Transitvisum. Diese Stimmung, diese Landschaft schien mir der richtigeOrt für das Sujet.
Die Handlung springt zwischen der Gegenwart und einem vermeintlichen Beginn der Neuzeit. Warum?
Als ich mit dem Recherchieren ernsthaft anfing, war die Mauer gerade gefallen. Ich buchte ein Hotelzimmer in Neubrandenburg und verbrachte einige Tage nur damit, auf gut Glück die kleinen Straßen zu erforschen; und ich habe tatsächlich einen kleinen runden See gefunden, der meinen inneren Vorstellungen ziemlich nahe kam. Zeitlich habe ich das 18. Jahrhundert gewählt, weil es die Zeit der Aufklärung ist, für mich der Anfang der „modernen“ emanzipatorischen Gedankenwelt – wie diese Emanzipation dann später unter „sozialistischem“ Vorzeichen verkümmerte, wissen wir.
Die sagenhafte Stadt in Mecklenburg ist letzte Zuflucht für Alte und Verfolgte, eine gleichberechtigte Gemeinschaft, derenGeschicke von einemRat geleitet werden. Die schweren Arbeiten übernehmen von einem Baumeister Orffyreus konstruierte Maschinen, die nach dem Prinzip des Perpetuum mobile funktionieren. Die Freistatt hat nur einenBaufehler:Umsie herumist eine hohe Mauer gezogen, wer sie einmal betreten hat, darf sie nie wieder verlassen. Haben Sie bei diesem Modell an die DDR gedacht?
Selbstverständlich hat das Bild dieser geschlossenen Gesellschaft mit ihrer Mischung von Geborgenheit und Zwang Bezug auf die DDR. Die Wegnahme der Freiheit ist die Geschichte des Sozialismus. Der Roman ist aber nicht nur eine DDR-Allegorie, es geht vielmehr um Überlegungen über Freiheit und Sicherheit: Sind diese beiden Werte antagonistisch oder nicht? Für die meisten Gesellschaften kommen dieseWerte in Frage und haben gewissermaßen auch individuelle Gültigkeit. Dem emeritierten Germanistikprofessor Robert Zahme, Ich-Erzähler der „Gegenwartssträhne“, stehen zwar sowohl Freiheit als auch soziale Sicherheit in der dänischen Wohlfahrtsgesellschaft zur Verfügung, aber er ist trotzdem von seiner Platzangst eingesperrt. Überhaupt ist der Roman ja keine getarnte Abhandlung, sondern Fiktion, er stellt mehr Fragen, als er Antworten liefert.
Reiseberichte spielen eine zentrale Rolle. Robert Zahme muss in den 1990er Jahren eine Reise unternehmen, um das Geheimnis der legendären Stadt zu untersuchen. Freiherr von Erlenberg, der im 18. Jahrhundert vermeintlich nach Mecklenburg-Strelitz aufbricht, hinterlässt einenBericht darüber. Und schließlich erzählt Herr Achilleus die Geschichte seiner Odyssee, die an Homers Sagen erinnert. Haben Sie diese Verweise bewusst eingesetzt, um den Stoff zu verfremden?
Die Reise als Suche, als Weg zur Erkenntnis ist eine wohlbekannte Metapher. Ich habe keine bewusste Absicht gehabt, damit den Stoff zu verfremden – es war für mich vielmehr eine Art Orchestrierung eines Themas. Herr Achilleus ist eine dieser Nebenfiguren, die fast von selbst während des Schreibens auftauchen, und ich habe bald gemerkt, dass er erstaunlich viel zu erzählen hatte, und ich dachte: Das soll er dann. Obwohl ich meine Bücher ziemlich genau plane, war er nicht vorgesehen. Solche Eindringlinge kommen vor. Er bereichert das Thema, und außerdem kann ich ihn gut leiden …
Das Rätsel um die Maschinen des Herrn Orffyreus ergibt eine verblüffende Lösung, die die Zeitebenen verbindet: „Die Kraft wird gegeben, wenn die Zeit verwandelt ist.“War ihr ursprüngliches Vorhaben „nur“ ein historischer Roman oder dachten Sie an einen germanistischen Krimi?
An einen Krimi jedenfalls nicht! Und germanistisch nur in dem Sinne, dass Robert Zahme als Germanist mit tiefergehendem Wissen über die Aufklärungsepoche in Deutschland ausgestattet sein konnte und weil die Aufklärung so schöne Figuren wie den fast naiven, aber gottvergnügten Brockes und das regelschaffende Monstrum Gottsched zu bieten hat. Zwischen den Zeilen dieser Literatur vernimmt man, dass die Aufklärung viel sinnlicher und leidenschaftlicherwar, als sie uns heute vorkommt. Robert Zahme kennt aus eigenem Erlebnis die Widersprüche zwischen den Auslegungen der Vernunft und den Eingebungen des Unbewussten.
Wie sind Sie zu diesem Bauplan gelangt?
Die Baugeschichte des Romans ist lang – ich glaube, etwa 15 Jahre vor dem Beginn des Niederschreibens hatte ich eine Idee, die eigentlich nur aus einem Bild bestand: die nächtliche Ankunft beim Fackelschein, von irgendeinemsuchendenWanderer in eine geheimnisvolle, umzäunte Stadt, von Greisen bewohnt. Erst nachdem die Parallelgeschichte in der Gegenwart entworfen war, konnte ich mit der Ausarbeitung anfangen.
Ihre Profession als Autor und Übersetzer zeigt gründliche Kenntnisse der DDR-Literatur und -Geschichte. Ist die überraschende Auflösung ihrer Romanhandlung das Ergebnis eigener Erlebnisse?
Gründlich ist zu viel gesagt. Die Auflösung hat, wie die ganze Handlung, wenig mit eigenen Erlebnissen zu tun. Aber ich kann mich in fremde Denk- und Erlebnisweisen hineinversetzen. Manchmal schreibtman als Autor einfach das Buch, das man selber gerne lesen würde.



Niels Brunse: Die erstaunlichen Gerätschaften des Herrn Orffyreus. Sammlung Luchterhand, München. 319 Seiten, 9 Euro. ISBN 978-3-630-62119-7

Niels Brunse, geboren 1949, hat in Dänemark bereits mehrere Romane, Erzählungen und Gedichtbände veröffentlicht. Er gehört zu den bekanntesten literarischen Übersetzern deutscher, russischer und anglo-amerikanischer Klassiker sowie von Shakespeare. 2008 erschien sein jüngster Roman „Der Meermann“ auf Deutsch: eine Zeitreise über die Nordsee ins England von 1647.

Nordkurier vom Freitag, dem 4. September 2009, Seite 21

Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen