Im online-Börsenblatt findet sich ein
Kommentar von Christina Schulte zur allseits immer beliebter werdenden Praxis, mit portofreiem Versand zu werben. (Ein ausführlicher Artikel dazu steht im gedruckten Börsenblatt, das heute im Postfach war. Leider bin ich nicht in der Lage, ihn online aufzutreiben...)
Obwohl mir das so ähnlich vorkommt wie die Beilage einer Tüte Haribo durch einige Büroartikelversender, wenn man 2500 Blatt Kopierpapier kauft (wer mag sich dadurch locken lassen?), aber - beurteilt nach den Verkaufszahlen (s. die Grafik aus dem gedruckten Börsenblatt unten) -: die Portofreiheit scheint ein Gimmick zu sein, das ausgesprochen charmierend auf Käufer wirkt.
Aber auf welche?
Wer neue und preisgebundene Bücher über meine
homepage kauft, findet sie entweder einen Tag später im Laden oder zwei Tage später im Postkasten - zum gebundenen Ladenpreis. Wohlgemerkt: Wir sprechen hier von neuen Büchern - lieferbar und folienverschweißt, in der Regel im Preissegment zwischen 10 und fünfzig Euronen. Es mag sein, daß in diesem Bereich die Portofreiheit ein echtes Verkaufsargument ist.
"Einzig Nischenanbieter können es sich leisten, den Kunden Geld für den Versand abzuknöpfen", schreibt Christina Schulte. Mit dem antiquarischen Bestand ist man hoffentlich in einer solchen Nische; beim Verkauf einer Erstausgabe der frühen Romane Koeppens muß ich über Portofreiheit gar nicht erst reden, selbst wenn ich das Buch aus Nachverfolgungsgründen als Paket verschicke. Insofern wird die Nische "bibliophiles Antiquariat" davon nicht betroffen.
Ernstlich betroffen sind davon der Besorgungsbereich und, natürlich, die Bücher zwischen 10 und hundert Euro. Aber auch hier sollte man als HändlerIn nicht auf die Schnäppchenjäger und die "Geiz-ist-geil"-Junkies setzen, über die man sich so wunderbar
auslassen kann, sondern hier kann man davon ausgehen, daß man erbrachte Leistung und entstandene Kosten auch wirklich in Rechnung stellen darf - z. B. Porto und Verpackung. Schließlich muß ich die Preise für meine nicht preisgebundenen Bücher nur um 3 Euro hochsetzen, um mit der käuferpsychologisch scheinbar ach so wichtigen Portofreiheit werben zu können, ohne tatsächlich Verluste zu machen. Wer seine KundInnen kennt, braucht zu solchen Tricks nicht zu greifen; Preisbildung bei antiquarischen Büchern ist in starkem Maße Gefühlssache.
Um Preis, Rabatt und alles Mögliche wird sowieso verhandelt - beim Handel mit nicht preisgebundenen Büchern lassen viele ihrer Bazar-Mentalität die Zügel schießen (was ich nicht schlimm finde; ist immer wieder Anlaß zu guten und witzigen Gesprächen...). Die Kunden allerdings, die mit Verweis auf die Internet-Großhändler Portofreiheit
fordern, gehen mir am A... vorbei - diese Klientel ist fast komplett zu den Großanbietern gewechselt und geht den AntiquarInnen als Kundschaft
verloren. Sei's drum.
Wer allerdings, wie ich, nicht allein vom bibliophilen Antiquariat lebt, sondern vom Handel mit allem, was an bedrucktem Papier zwischen zwei Pappdeckeln klemmt (Inhaltlich-Ideologisches hier einmal ausgenommen), empfindet natürlich schon einen gewissen Schmerz darüber, daß der herstellende Buchhandel, wie z. B. der Beck Verlag, durch simple Einrichtung eines beck shops die Aufgabentrennung zwischen Handel und Herstellung unterläuft, an die zahlungskräftige anwaltliche Kundschaft direkt verkauft und sich den Buchhandelsrabatt damit auch noch in die Tasche steckt. Diese Praxis ahmen mittlerweile viele Verlage nach, und das finde ich wesentlich schlimmer als die Konkurrenz im 10-Euro-Segment. Und dies sogar unter Aufsicht und offenbar mit Billigung des Börsenvereins und seiner Landesverbände...
Zur Illustration hier einige Ausschnitte aus dem umfangreicheren Artikel im gedruckten Börsenblatt, 176. Jg. 2009, Heft 34, S. 16ff, Abbildungen S. 17f. (Zum Vergrößern anklicken und danach die Rück-Taste des Browsers betätigen):

