Samstag, 2. März 2013

Westside Story in Greifswald

Heute Abend  ging im Greifswalder Theater die erste Inszenierung des designierten Schauspieldirektors über die Bühne. Rivalisierende Jungmänner droschen mit Fäusten und Schwertern aufeinander ein, eine Frau und ein Mann lernten sich auf einer Fête kennen und brachten sich am Ende um - Romeo und Julia also, die klassische shakespearsche Liebestragödie.
Um es vorweg zu nehmen: Es ist niemand vor dem Schlussapplaus gegangen (was unter anderem daran lag, dass das ausverkaufte Haus durch mindestens drei anwesende Schulklassen erreicht wurde - und das bei einer Premiere...). Die Inszenierung brachte einige witzige Ideen, wie z. B.  die Zusammenführung mehrerer Rollen in einem Zalando-Zustellboten (Marco Bahr hielt die Geschichte durch seine glänzend gespielte Rolle zusammen), die Ersetzung des Geschlechtsakts durch einen trickreich vollzogenen T-Shirt-Tausch, Spiegelwände als Bild für eine ausschließlich sich selbst beobachtende Gesellschaft, zahlreiche Filmzitate vom Wrestling-Genre bis hin zum "Krieg der Sterne".  Insgesamt war es kein ganz verlorener Abend.
Aber "Romeo und Julia" in nur zwei Stunden bedeutet natürlich auch: Reduktion. Heute abend war es die Reduktion um die Tiefe. Jegliche. Die Auseinandersetzung der Capulets und Montagues wurde reduziert auf die Prügelei von Jungmännern mit allerdings häufig tödlichem Ausgang. Das gesellschaftliche Leben Veronas fand auf der Ebene eines Gang-Treffens statt. Machtpolitik lebte nur in Worten. Und, vor allem, das dramatischste Liebesverhältnis der Bühnenliteratur wurde nicht einsichtig: Wieso bringen sich die beiden um? Ich fühlte mich an Lehrerzeiten erinnert: didaktische Reduktion war das Stichwort. Verständlich wurde der Zusammenhang nicht, ergriffen hat einen das Geschehen auf der Bühne auch nicht. Aber vielleicht bin ich einfach zu alt, die Inszenierung zielte eindeutig ab auf ein jüngeres, gar jugendliches Publikum. Okay, damit war ich zur falschen Zeit am falschen Ort.
Erfreulich war neben der Conférencier-Rolle von Marco Bahr Graf Paris (Ronny Winter), der die Selbstverliebtheit in Person war, und Alexander Frank Zieglarski als Mickey Rourke im Wrestling-Ring. Erfreulich auch die insgesamt stimmige Inszenierung mit der Einschränkung, dass manche Zusammenhänge und Beziehungen durch starke Streichungen schlicht unverständlich blieben. Aber unter dieser Voraussetzung passte alles zusammen. Gut auch Felix Meusel als sehr jugendlicher Romeo - die Balkonszene mit dem 1. Rang wird nicht nur Herrn Otto in Erinnerung bleiben.
Das Theater Vorpommern macht ja im Moment viel in kleiner Form im Rubenowsaal, in Nebenformen wie "Senf dazugeben" oder diesem Selbstentkleidungsdingsda "TV real". Für das Schauspiel war es die zweite ernsthafte Inszenierung auf der großen Bühne nach der "Ballade vom traurigen Café". Die Inszenierung der Shakespeare-Tragödie war handwerklich besser, auf ein jugendliches Publikum ausgerichtet und um Modernität bemüht (immerhin kamen mehrere Smartphones, Tablets, Laptops, SMS etc.  vor). Allerdings ist das Zielpublikum insofern zu bedauern, als es mit einem Shakespeare-Verständnis nach Hause geschickt wird, das die Tiefe einer facebook-Kommunikation hat. Aber vielleicht muss man ja ein niederschwelliges Angebot als Ersteinstieg zur Verfügung stellen.
Warten wir ab, ob der neue Schauspieldirektor auch mal ein Stück für Erwachsene macht. Ganz ausschließen, dass es vielleicht gelingt, möchte ich nach dem heutigen Abend nicht.


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