Sonntag, 29. März 2015

Django zahlt nicht – Django hat 'ne Monatskarte


Ich bin vor dem Fernseher groß geworden. Alle Vorgänge der Wirklichkeit wurden von mir eingeordnet in den Ablauf von Vorabend- und Sonntagsnachmittagsserien. Mit wiegendem Cowboygang trat ich der Welt entgegen und erwartete, dass alles so läuft wie auf der Mattscheibe – inklusive Abspann. Dass jedes Geschehnis Bezug zum Happy End haben musste, war mir klar, allerdings war ich auch nicht sonderlich enttäuscht, wenn das Happy End nicht kam, denn es war ja nur die Wirklichkeit, in der ich es erwartete. Gedanklich und mental war überall ein dramaturgischer Bogen zu sehen, an dessen Ende ein Schatz zu heben war. Dass die Wirklichkeit nach anderen Gesetzen funktioniert, als teleologisch auf das Ende der Folge zuzusteuern, habe ich lange Zeit nicht zugelassen, und selbst heute tue ich mich noch schwer damit.
In Daniel Kehlmanns Frankfurter Poetik-Vorlesungen habe ich die Beschreibung dessen wiedergefunden, und deswegen komme ich überhaupt wieder darauf.

Das Prinzip Plot ist unverzichtbar, aber es ist nie ganz unproblematisch. Wird der ordnende Wille des Autors zu deutlich, wirkt eine Geschichte zurechtgemacht und konstruiert. Der Grund dafür ist eben der Umstand, dass es Handlungen nur in Geschichten gibt und nicht in der Wirklichkeit. Dinge stoßen uns zu, Tag für Tag, Stunde für Stunde, ihnen folgen andere Dinge – aber wir sind nicht in einer Geschichte.
Schon Aristoteles unterscheidet die Wirkursache von der Zweckursache, die causa efficiens von der causa finalis, jene ist der Grund, aus dem, diese der Zweck zu dem etwas geschieht. Die Wissenschaft der Neuzeit eliminiert nach und nach die Zweckursachen aus unseren Erklärungsmodellen: In einer gottlosen Welt passieren die Dinge aus Gründen, aber nicht zu Zwecken. Beim Erzählen jedoch bleiben die Zwecke unverzichtbar, und der Erzähler spielt, ob er das will oder nicht, in seinem eigenen beschränkten Kosmos Gott. In der Realität walten die Gesetze der Physik, in der Erzählung aber die Zwecke der Dramaturgie.

Daniel Kehlmann: Kommt, Geister. Frankfurter Vorlesungen, Reinbek: Rowohlt 2015, S. 151


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