Sonntag, 29. März 2015

Schnell, virtuos, absolut verwirrend – und nur nicht grämen!


Selten habe ich so eine einleuchtende Beschreibung des Komischen, der Komödie im Unterschied zur Tragödie, dem Tragischen gelesen wie diesen Ausschnitt aus Daniel Kehlmanns Frankfurter Poetik-Vorlesungen. Leichtfüßig wie eine Komödie – absolute Identität von Form und Inhalt, hier am Beispiel Shakespearscher Komödien.

In dieser ursprünglichen Gestalt, schnell, virtuos, absolut verwirrend, beschwört Was ihr wollt ein ganzes Universum der Schwerelosigkeit herauf, in der das Menschenleid nicht so viel Gewicht hat und in dem man auch den schwersten Kummer durch Verkleidung und Vertauschung, durch ein paar Rochaden hinter sich lassen kann. Für einen Zuschauer, der die Figuren und Geschlechter im Stück nicht mehr zuverlässig zu unterscheiden vermag, hat auch das Finale plötzlich nichts Kunstgewerbliches, nichts Konventionelles mehr, sondern es bietet die Knappe und klare Demonstration dessen, dass man sich über die Liebe nicht grämen soll, da man kurz und gut auch irgendwen anderen heiraten könnte als den, den man liebt, weil man ja diesen anderen genauso lieben kann, wenn man nur will. „Es ist nicht zum Ausdenken“, fasst Hugo von Hofmannsthals Graf Brühl in der Komödie Der Schwierige dieses zeitlos erschreckende Grundprinzip aller Lustspiele zusammen, „wie zufällig wir alle sind, und wie uns der Zufall zueinander jagt und auseinander jagt, und wie jeder mit jedem hausen könnte, wenn der Zufall es wollte“. Man kann diese Frau ebensogut lieben wie jene, man kann statt ihr auch einen Mann lieben – alle Unterschiede, sagen die Komödien, die lachen machen und zum Weinen sind, sind überschätzt; ich kann Ich sein oder ein anderer, und letztlich, wenn alle Masken fallen, bin ich wohl niemand; denn das, was ich Ich nenne, ist nur die hartnäckigste der Täuschungen. Aus der Warte des Komödienautors verschwimmen all die Grenzen, deren strikte Bewahrung fromme Leute wie Jeremias Gotthelf [dessen Schwarze Spinne Kehlmann vorher besprochen hatte, U. R.], und mit ihm alle Autoritäten der Religion, für unverzichtbar halten.

Daniel Kehlmann: Kommt, Geister. Frankfurter Vorlesungen, Reinbek: Rowohlt 2015, S. 76


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